Klavierabend Lise de la Salle

Die Rezension zu einem unvergesslichen Klavierabend mit der französischen Pianistin Lise de la Salle. Aus der Rheinpfalz, eingestellt von Walter Schunter

Kultur Regional

Champagner am Klavier

Die französische Pianistin Lise de la Salle konzertiert in Freinsheim beim Verein Von-Busch-Hof-Konzertant

Von Inge Kirsch

Der Verein Von-Busch-Hof-Konzertant präsentierte am Sonntag im sehr gut besuchten Saal wieder einen Star der Klavierwelt. Die Pianistin Lise de la Salle ist international sehr gefragt. Auf dem Weg von einem Auftritt in New York kam sie mit demselben Programm im Von-Busch-Hof vorbei.

„When do we dance?“ (Wann tanzen wir?) hieß ihr Programm. Der Titel stammt von George Gershwin. Lise de la Salle führte selbst das Publikum in ihr Programm ein. Der künstlerische Leiter der Konzertreihe, Rainer Schick, der das sonst macht, war an diesem Abend verhindert.Sie habe, sagte la Salle, Tänze ausgesucht aus der Zeit zwischen 1850 und 1950. Diese Zeit sei in der Kunst, nicht nur in der Musik, besonders fruchtbar gewesen. Sie sprach Englisch. Walter Schunter, Vorstand des Vereins, übersetzte. Lise de la Salle verstand, was Schunter übersetzte. Hier hatte sie einige Anmerkungen zu machen, die zu einem humorigen Austausch führten und gleich eine leichte, wohlgelaunte Atmosphäre schaffte, bevor nur ein Ton erklang.

Als der erste Ton dann erklang, merkte jeder auf. Was für ein Anschlag! Der erste Teil mit Tänzen aus der französischen Heimat der Künstlerin begann mit den „Valses nobles et sentimentales“ von Maurice Ravel.

Wer Walzerseligkeit erwartet hatte, wurde enttäuscht. Tanzen kann man zu diesen Stücken nicht, rauschhafte Partien, starke Verzögerungen, perlende Schnelligkeiten. Kobolde und Elfen könnten dazu tanzen. Etwas Märchenhaftes durchzog das ganze Konzert. Es gab viele Töne, wie Glöckchen im hohen Register des Pianos, dunkles Grollen am anderen Ende, Pianissimi und Fortissimi und alle überhaupt möglichen Tempi. Es entfaltete sich eine sausende und brausende, dann wieder eine poetisch verträumte Stimmung.

Die „Etudes en forme de valse“ von Camille Saint-Saens wurden in der Einführung schon als champagnerartig charakterisiert: Hier wurde Schäumendes vorsichtig eingegossen, dann aus mehreren Magnumflaschen in viele überschäumende Gläser verteilt, dann schienen ganze Kaskaden sich zu ergießen, und flugs war der Geist wieder in der Flasche.

Nach Nobilität und Schampus wurde es im zweiten, osteuropäisch geprägten Teil, volkstümlich. Bauerntänze werden in Bela Bartoks Rumänischem Volkstanz hochvirtuos verwirbelt. Seinen Walzer op. 38 habe Aleksandr Skrjabin geschrieben, bevor er wild geworden sei, hatte Lise de la Salle in ihrer Einführung gesagt. Nach einem ruhigen Beginn kam die Wildheit zum Ausdruck mit ausgedehnten Ritardandi und sich auftürmenden Accelerandi.

Die anschließende „Polka italienne“ von Sergei Rachmaninow war so vielfältig wie ihr Titel, ein böhmischer Tanz, munter hüpfend italienisch interpretiert mit tief nachdenklichen seelenvollen Phasen. Ganz andere Rhythmen kamen aus Spanien und Lateinamerika. Ein fulminanter Auftakt war der bekannte Feuertanz von Manuel de Falla, mit dem die Pianistin emphatisch böse Geister vertrieb. Alberto Ginasteras Argentinische Tänze zeigen Freude an der Natur, aber auch den Weltschmerz der traditionellen Saudade.

Astor Piazollas „Libertango“, nicht tanzbar, aber die Gemütszustände der Tangos spiegelnd, wechseln zwischen Melancholie und Raserei. Das Piano rauscht und man meint, eine Orgel durchströme den Saal. Eine unglaubliche Energie ging vom Spiel der Pianistin aus. Der letzte, nordamerikanische Teil klang erwartungsgemäß nach Jazz, Gershwin, Fats Waller und Arthur Tatums berühmtes „Tea for Two“. Als Rachmaninow und Wladimir Horowitz diese Musik und diese Pianisten hörten, sollen sie zu einander gesagt haben: „Da können wir einpacken!“ Dass Lise de la Salle bei irgendetwas einpacken müsste, kann man sich nicht vorstellen. Auch diese Musik spielte sie zwar „jazzy“, aber in ihrem eigenen unverkennbaren Stil, ein „Jazz de la Salle“.

Ganz anders ihre Zugabe: „Peace, beauty and humanity“, Frieden, Schönheit und Menschlichkeit sei in Schuberts Lied „An die Musik“ ausgedrückt. Hier hört sich die Musik ganz anders an, andächtig und überirdisch.
Es zeigte sich die Wandlungsfähigkeit der Interpretin: Hier waren eine andere Poesie, ein anderer Anschlag zu erleben – das Publikum war tief beeindruckt. Auch Bariton Johannes Kammler hatte im Herbst 2020 als Zugabe „An die Musik“ ausgewählt.
Info

Das nächste Konzert im Von-Busch-Hof Freinsheim ist Open Air am 26. Juni um 20 Uhr mit Musik von Mozart. Kartenbestellung: vbh-konzertant.de

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz Bad Dürkheimer Zeitung – Nr. 114
Datum Dienstag, den 17. Mai 2022
Seite 13