Dieses außergewöhnliche Konzert wurde hervorragend und gleichzeitig begeistert rezensiert von Frank Pommer, Chefredakteur Kultur der Rheinpfalz. Man braucht seinen Ausführungen nichts hinzufügen:
KulturHeavy Metal auf der BlockflöteDer Schweizer Ausnahmeflötist Maurice Steger mit Hille Perl auf der Gambe und Sebastian Wienand am Cembalo beim Konzert im Freinsheimer Von-Busch-HofVon Frank Pommer Was für ein außergewöhnlicher Abend! Rund 300 Besucher im ausverkauften Vom-Busch-Hof in Freinsheim kamen beim Konzert von Flötist Maurice Steger aus dem Staunen nicht heraus.Ja, natürlich, es ist ein Etikett. Und ein Klischee noch dazu. Als Paganini an der Blockflöte wird der 1971 geborene Schweizer Flötist Maurice Steger immer wieder bezeichnet. Aber selbst wenn sich dahinter vor allem eine Marketingstrategie verbergen würde (die der Musiker gar nicht nötig hat), die Bezeichnung trifft den berühmten Nagel eben auch genau auf den Kopf. Steger ist eben genau dies: ein „Teufelsflötist“, um den Paganini-Vergleich noch auf die Spitze zu treiben.Ein Virtuose von GnadenDas Wunderbare an Steger ist jedoch, dass er zwar ein Virtuose von Gnaden ist, der bestimmt beste Blockflötist unserer Zeit. Dass ihm aber zugleich jede Virtuosen-Attitüde völlig fremd ist. Charmant, freundlich, nahbar führt er durch den Abend im Freinsheimer Von-Busch-Hof mit Musik unter anderem von Arcangelo Corelli (1653-1713), Carl Friedrich Abel (1723-1787), Giuseppe Sammartini (1695-1750) und Domenico Scarlatti (1685-1783). Ein Programm, das auf die Besetzung auf dem Podium zugeschnitten ist, denn dort finden sich ja nicht nur die unterschiedlichsten Blockflöten Maurice Stegers, sondern auch die Viola da Gamba von Hille Perl und das Cembalo von Sebastian Wienand. Das sei zwar alles Alte Musik, meint Steger, die aber im „Hier und Jetzt“ sehr frisch und aufregend klinge. „Es ist schön, dass Sie sich dieses alten Kram anhören“, betont er mit mehr als nur einem Zwinkern der Augen. Was dieser Mann mit einer Blockflöte so alles anstellen kann, beweist er vor allem in den schnellen Sätzen von drei Corelli-Sonaten. Es ist schlichtweg atemberaubend. Man bekommt den Mund einfach nicht mehr zu, weil Steger in zum Teil irrwitzigem Tempo auch die absurd schwersten Passagen meistert, seine Finger über die Flöte fliegen lässt und seine Atemtechnik überragend ist. Später geht er lächelnd auf den „schlechten“ Ruf der Blockflöte in unserer Zeit ein, wo sie ja vor allem als Einstiegsinstrument in der musikalischen Früherziehung genutzt wird. „Mein Instrument hat ja im 20. Jahrhundert so etwas wie eine Renaissance erlebt.“ Am krassesten wirkt Stegers Ausnahmekönnen in der Nummer 12 in g-Moll aus Corellis Opus 5. Diese Sonate, ursprünglich für Violine komponiert und von Frans Brüggen auf die Blockflöte übertragen (und von d-Moll nach g-Moll transponiert), trägt ja den Beinamen „La Follia“. Übersetzen könnte man dies mit „Verrücktheit“. Und „verrückt“ im allerbesten Sinne des Wortes ist es tatsächlich, was Steger hier aufführt, unterstützt von Hille Perl und Sebastian Wienand. Das hat mit Musizieren nur noch am Rande etwas zu tun. Es ist ein Parforceritt, ist ein – ja, richtig, schon wieder so ein Klischee, das eigentlich für fünf Euro im Phrasenschwein sorgen müsste – wahres Flöten-Feuerwerk, das er da abfeuert. Und abfeuern ist wörtlich gemeint, wobei es allein schon eine Freude ist, Steger beim Spielen zuzuschauen. Denn es reißt ihn immer wieder mit, vielleicht sogar davon. Jedenfalls ist diese Begeisterung so ansteckend, dass sich ihr niemand im Publikum entziehen kann. Und dann wäre da noch Johann Adolf Hasses „Kantate“ für Flöte. Wir kennen ja Hasse vor allem als Opernkomponist, worauf auch Steger in seiner Einführung in das Werk hinweist. Und zugleich deutlich macht, dass diese Kantate vielleicht gesungen werden könne, aber für die Blockflöte und deren Möglichkeiten absolut ungeeignet sei. Aber nicht, wenn man Maurice Steger heißt! Und sie singt doch!Da ist dieser langsame Mittelsatz, Steger beschreibt ihn als Opernarie. Und tatsächlich werden Töne hier so lange gedehnt, gibt es Fermaten, die man zwar von der menschlichen Stimme, aber eben weniger von der Blockflöte kennt. Aber Stegers Flöte beginnt tatsächlich zu singen, so, wie sie im ersten Satz Koloraturen und aberwitzig schwere Triller von sich gegeben hat. Eben wie eine vor rasender Eifersucht wütende Operndiva. Dass man einen solchen Ausnahmekünstler in Freinsheim erleben kann, ist sensationell. Und ist dem künstlerischen Leiter der Reihe „Von-Busch-Hof Konzertant“, Rainer Schick, zu verdanken. Der ist im Hauptberuf Solooboist der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und hat Steger, der auch als Dirigent tätig ist, einfach angefragt, als dieser als Gast am Pult des Ludwigshafener Orchesters stand. Und so kommt es dann zu solch außergewöhnlichen Konzerten im ebenso kleinen wie pittoresken Freinsheim, wobei Schick vor dem Konzert mit einem Lachen betont: „Es waren ja eigentlich alle Großen schon hier bei uns.“ Und damit übertreibt er bestimmt nicht. Denn auch er selbst war überrascht, wie er dem Publikum erzählt, als er erfahren hat, mit wem Steger denn nach Freinsheim kommen wird. Hille Perl ist eine der herausragenden Musikerinnen der Alten-Musik-Szene. Was aber eben auch für den Cembalisten Sebastian Wienand gilt. Und beide demonstrieren auch alleine ihr Ausnahmekönnen. Perl mit der Fantasia für Viola da Gamba solo von Abel, Wienand mit zwei Cembalo-Sonaten von Scarlatti. Beide beweisen mit ihrem Spiel, was als Motto über diesem Konzert stehen könnte: Alt, im Sinne von verstaubt, ist nichts an dieser Musik – wenn sie so gespielt wird. Im Gegenteil. Das klingt frisch, unverbraucht, lässt den Musikern viel mehr Freiheiten als eine genau festgelegte Beethoven- oder Brahms-Partitur. Das erinnert mitunter an eine Jamsession, weil Gambe, Flöte und Cembalo tatsächlich nicht nur improvisieren, sondern geradezu grooven. Und man ertappt sich dann auch selbst, dass die eigenen Füße nicht mehr still stehen wollen. |
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