Die Goldenen 20er Jahre

Pianist Florian Noack bei „Von-Busch-Hof konzertant“

 Im Von-Busch-Hof bot Florian Noack interessante Ausflüge in den Jazz, faszinierende Informationen über Musik und Geschichte und wunderbar interpretierte klassische Musik.

Foto: Andrea Döring

Andrea Döring

Eine pianistische Zeitreise in die „Roaring Twenties“ unternahm der belgische Pianist Florian Noack bei seinem Konzert in der Reihe „Von-Busch-Hof konzertant“.

„Musik zwischen zwei Katastrophen“: So bezeichnet Florian Noack die Musik der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Erste Weltkrieg steckte den Menschen noch in den Knochen, weiteres Unheil nahte. Trotzdem oder gerade deswegen brach sich unbändige Lebensfreude Bahn. Viele der alten Konventionen stellten die Menschen nach dem Zusammenbruch der alten Ordnungen in Frage. In dieser Zeit des sozialen Wandels entstanden außergewöhnlich kreative Bewegungen etwa in Mode, Kunst, Literatur und Theater. In der Musik fanden die Avantgarde, der Dadaismus und der Jazz Eingang.

Mit einfallsreichen eigenen Transkriptionen und raffinierten Arrangements führt Noack durch die Goldenen Zwanziger und lässt dabei die Musik von unter anderem Maurice Ravel, Francis Poulenc, Kurt Weill, Erwin Schulhoff , George Gershwin und Fats Waller erstrahlen. Hochvirtuos ist er dabei. Florian Noack spielt ungemein konzentriert. Selbst in technisch anspruchsvollen Passagen ist die Artikulation perfekt.

Pianist als Entertainer

Aber auch als Entertainer versucht er sich erfolgreich. Im ersten Teil des Abends liefert er nach dem ersten Stück geballte Informationen über die Komponisten und ihre Stücke in dieser Zeit, bemerkt dann aber sympathischer Weise selbst, dass dies vielleicht für den einen oder die andere etwas zu viel auf einmal ist. Nach der Pause macht er das gleich besser. Hier bekommt das Publikum die unterhaltsam präsentierten Einblicke in die Zeit und die Gefühle

Während der Coronapandemie entwickelte er die Idee, die Roaring Twenties zu besuchen. Nicht nur musikalisch, sondern auch politisch ist die Zeit interessant. Was passierte damals in den USA, in Frankreich und in Deutschland? Welche Parallelen gibt es zur heutigen Zeit? Das sind Fragen, die nicht nur den 36-jährigen Belgier bewegen. Eine Beschäftigung mit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts könnte helfen, die Fehler dieser Zeit nicht zu wiederholen.

Lebensfreude ohne Tanz

Angesichts oder trotz dieser Fragen bricht sich auch in Freinsheim in gewissem Rahmen die Lebensfreude Bahn. Raffinierte schwarze Hüte mit Schleier, elegant geschlungene Schals, ein wirkungsvoll über den Schultern drapierter Pelzmantel und Glitzerkleider mit tief gesetzter Taille und Fransen am Saum, viele Männer und Frauen haben sich für diesen Abend schick gemacht. Charleston hat aber trotzdem niemand getanzt, obwohl dies der Name des ersten Stückes von James P. Johnson ist, das Noack interpretiert. Der Anspruch des Abends ist doch überwiegend intellektuell. In die Beine geht die Musik nicht.

Noack gelingt es in herausragender Weise beim Klavierspielen ein ganzes Orchester in den Ohren entstehen zu lassen. Bei Mischa Solanskys „Morphium“ beispielsweise berührt er das Publikum sehr mit seinem Spiel. Auch bei Maurice Ravels „Five o´clock Foxtrot“ erwachen die Spielzeuge, die ein unartiger Junge kaputt gemacht hat, im Kopf der Zuhörer durch seine Interpretation zum Leben. Sehr lebendig weiß Noack auch über Erwin Schulhoff zu erzählen. Der homosexuelle Jude und Kommunist verdiente sein Geld als Jazz-Pianist in Tschechien. 1942 starb Schulhoff im Internierungslager Festung Wülzburg in Bayern.

Kein Blick ins Publikum

Schulhoffs Musik bleibt in der Interpretation von Noack jedoch etwas hölzern. „Ich bin ein klassischer Pianist“, bekennt Noack. Das merkt man auch, wenn er sich an Fats Wallers Stücken versucht. Der amerikanische Jazz-Pianist, Organist, Komponist und Sänger machte in den 20er bis 40er Jahren schwungvolle Musik. Breit lächelnd kann man ihn bei den wenigen erhaltenen Filmaufnahmen mit dem Publikum flirten sehen. So viel Leichtigkeit und Charme versprüht Noack während seiner Jazz-Interpretationen nicht. Swing ist nur in Ansätzen zu erkennen. Den Zuhörern wirft er keinen Blick zu. Richtig aus sich heraus kommt er eher bei Alexander Porfirjewitsch Borodins „Fürst Igor“ – seiner ersten Zugabe. Sehr lebendig – mit viel Körpersprache – bringt er hier das Klavier zum Klingen und entwickelt richtig Drive.

Den Charakter von George Gershwins Musik trifft er sehr genau. Ihn präsentiert er mit weniger bekannten Stücken wie „Slap That Bass“ oder „What Causes That“. Die Zähne des Haifischs bei Kurt Weills Gassenhauer Mackie Messer bringt er bedrohlich zum Glänzen. Der Abend im Von-Busch-Hof bot interessante Ausflüge in den Jazz, faszinierende Informationen über Musik und Geschichte und wunderbar interpretierte klassische Musik. Angesicht von Noacks Schwung bei der ersten Zugabe mit klassischer Musik erklatscht sich das Publikum eine zweite.