Sopran und Streichsextett

Hanna-Elisabeth Müller und Co. lassen Wesendonck-Lieder strahlen

Die Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller tritt zusammen mit einem Kammerensemble der Bayerischen Staatsoper im Von-Busch-Hof in Freinsheim auf.

Stefan Pohlit

 

         Foto: Stafan Pohlit

„Sopran und Streichsextett“: Sängerin Hanna-Elisabeth Müller und ein Kammerensemble der Bayerischen Staatsoper überzeugen bei „Von-Busch-Hof Konzertant“ in Freinsheim.

Im weltabgewandten Ges-Dur und doch wie ein Kinderlied, in zarten, soggettoartigen Eröffnungen auf mehreren Ebenen pulsierend, hebt sich die Einleitung hinauf in energische Höhen. Wie ein Goldgrund, vibrierend in ätherischen Oktaven, erdigen Mittelstimmen und ruhend auf einem markigen Fundament, schwellen diese Motive zu einem ineinander verwobenen Geflecht an der Grenze zwischen Natur und Geist. Mit exquisiter Fülle, in zarten, gallertartig glimmenden Farben nahm das Ensemble sofort für sich ein: Matjaž Bogataj und Hanna Asieieva (Violinen), Clemens Gordon und Johanna Maurer (Bratschen) sowie Yves Savary und Benedikt Don Strohmeier (Celli). Meisterlich hatte es nicht nur die Resonanzen und Zusammenklänge, sondern auch die Transparenz der Linien herausgearbeitet.

Alexander von Zemlinskys „Maiblumen blühten überall“ – auf ein Gedicht von Richard Dehmel wahrscheinlich 1899 komponiert – beschwört mit seinen durchlichteten Harmonien und rankenden Texturen ganz den Zeitgeist des Fin de Siècle. Die Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller gehört zu den bekanntesten Interpretinnen dieses Repertoires, das schon durch seine glühende Harmonik wie ein heißes Eisen wirkt und eben deswegen viel Beherrschung erfordert. Gleichsam schwerelos trat sie – wie auch das Ensemble die Dämpfer aufsetzte – in das sie umgebende dolcissimo. Mit der Leichtigkeit eines Spaziergangs, gleich einer Gärtnerin, die umsichtig über ihre Saat wacht, führte sie die erste gemeinsame Steigerung zu funkensprühender Intensität, so dass sich die Struktur völlig organisch verdichten konnte. Sei es wie ein Echo der Opernbühne, zündeten ihre Maxima als Registerwechsel mit entfesseltem Impuls, jedoch ohne die Elementarwelt dieses wuchernden Biotops zu stören.

Expressive und doppeldeutige Details

Am Vorabend des Expressionismus wimmelt das Werk nur so von expressiven, mitunter doppeldeutigen Details – etwa in der einsamen Basslinie und dem schlagartigen Einsatz des Tuttis über den Passus: „und die Sonne stach im Korn ihn tot“. Dabei enthüllte sich die Rhetorik des Streichsextetts durchweg als Gemeinschaftsleistung, was auch die unterschiedliche Bogenführung andeutete. Diesem demokratischen Rhizom saß der Primgeiger lediglich wie ein Reiter auf – eine Methode, die allenfalls später, beim Schönberg, dazu führte, dass es im Diskant ein wenig an Feuer mangelte.

Anklänge an Wagners Tristan

Nicht nur der Notentext, auch die Darstellung des Gesangsparts ließ durch kraftvolles Arioso Anklänge an Wagners Tristan aufkommen. Für Gänsehautmomente sorgten die Ausführenden immer wieder durch die gleichsam sprechende Akzentuierung der harmonischen Entwicklung, die Wagner gezielt als psychologische Regionen verwendet hat – etwa, wenn es heißt: „unsere Heimat ist nicht hier“, und auf die Endung ein verminderter Septakkord als Trugschluss fällt. Gerade den beiden Tristan-Studien (Lied 3 und 5) mit ihren Akkordpendeln wurde mittels unermüdlicher Spannung berührender Nachdruck verliehen, zudem in vielen schönen Soli in allen Stimmen und reizvollen Kniffen der Instrumentation – etwa wenn Klavier und Pizzicato kombiniert wurden.

Nach der Pause spielte das Sextett die Originalfassung von Schönbergs „Verklärter Nacht“. Mit dieser Paradenummer lief es noch einmal zu gestaltwandlerischer Größe auf, im nervös-ziselierten Gemälde reich an Timbres, die weit über den üblichen Wortschatz einer Streicherformation hinausreichten. Alle überzeugten durch expressive, einfühlsame Soli. Die erzählerische Dimension von Schönbergs Entwurf war erschütternd plastisch, mustergültig entfaltet. Angefangen mit einer flotten Introduktion, quollen die Stimmzüge als eindeutige Dramatis Personae in die wogende Handlung – bravissimo! Als Zugabe auf anhaltenden Applaus erklang Richard Strauss‘ Lied „Morgen“.